Fast 100 km rund um die Texelgruppe verläuft der Meraner Höhenweg. Der Weg an den Hängen des Schnalstales, des Passeiertales und des Meraner Talkessels war im Jahr 1985 eröffnet
worden und gilt als einer der schönsten Weitwanderwege in Südtirol.
Am 22.8.2011 trafen sich Elfriede Beer, Elisabeth Grabner, Doris Waditzer, Fritz Grabner und Franz Waditzer am frühen Vormittag in der Leitengasse in St.Veit/Glan. Am frühen
Nachmittag stand Fritz Wagen schon verwaist in Ulfas, und wir gingen schon durch das Dorf, sahen auf die steilen grünen Hänge und auf einen Mann der mit Sense
und einem Rückenkorb in den Hang einstieg. Am Kirchlein vorbei ging es durch den Wald, der Weg querte einige kleine Wasserläufe und mündet schließlich in einer asphaltierten Straße,
die uns nach Christl brachte. Ulfas gilt als jener Punkt, der den Meraner Höhenweg Nord und Süd trennt. An diesem Nachmittag marschierten wir sechs Stunden am Stück bis
nach Vernuer und wurden im Gasthof Brunner bereits gegen 20.00 Uhr erwartet. Fritz hatte im Gasthof nochmals angerufen und bestätigt, dass wir spät aber doch
kommen würden. Umso freundlicher war dann der Empfang. Das Essen war köstlich, das Forst - Bier eine Wucht. Fritz hatte zwei Hotelzimmer gebucht. Am Morgen saß ich als
erster im Frühstücksraum (wie sonst immer Heinzi) Apropos Heinzi: Der hatte Doris und mir beinahe sämtliches Material zur Verfügung gestellt, uns bestens vorbereitet uns
bis ins Detail (Medikamente, Magnesiumbriefchen, Erfrischungstücher) ausgestattet. Heinzis bunte Hüttenschuhe sind mir über die Tage wirklich ans Herz gewachsen, und Heinzi
war dann durchaus auch tagelang Gesprächsstoff #1.
Franz, Fritz (Marcello), Elfriede, Doris und Elisabeth
23.8.2011: Am nächsten Tag trekkten wir von Vernuer (1100 HM) hinauf auf die Leiteralm (1450 HM) und weiter zum Hochganghaus (1839 m) Wir
waren gut und gerne acht Stunden unterwegs, auf einer Etappe die sehr anstrengend war und das Hochganghaus, eine durch und durch moderne und lässig ausgestattete Schutzhaus,
war unser Ziel. Beim Duschen hatten Fritz und ich ein paar Probleme mit einer Gruppe von "Marmeladingern" aus Karlsruhe - es ging um den Schlüssel zu den Duschen - aber das Essen
war vorzüglich, der Wein, der auf der Zunge prickelte und den Elfriede für uns alle bestellt hatte, wurde ungläubig verkostet (ein Prickeln auf der Zunge, ein Wein?), aber er
sollte sich als der Beste herausstellen, den wir auf der gesamten Trekkingtour tranken. Am Abend saßen wir in der Hütte und spielten ein uns völlig neues Spiel, das Doris und ich
in seiner ganzen Tiefe nur schwer erfassten, aber bei dem es vor allem darum ging, Fritz ein Bein zu stellen, was nicht gelang, weil wir unbedarft immer wieder dazwischenfunkten. Diesmal
Schutzhütte Hochganghaus
auf 1839 m
übernachteten wir zu fünft in einem blitzsauberen Zimmer, einem Lager mit ebensovielen Lagerplätzen. Am frühen Morgen aßen wir wie schon am Abend zuvor im steingepflasterten
Hof, und hatten den Koch noch eine Schachtel London Blue abgekauft. Fritz hatte am Abend noch eine zauberhafte Begebenheit zu meistern: Beim aufhängen seiner Wäsche am Zaun hinter der
Schutzhütte blickte er durch ein offenes Fenster direkt auf eine junge Frau, die sich gerade ausgezogen hatte. Fritz, ein Gentleman (aber auch ein Bewunderer) , entfernte sich
diskret und schnell. Völlig unbedarft war Fritz oder Marcello (wie wir ihn bald nannten) in eine erotisch angehauchte Situation geraten.
24.8.2011: Wir gingen von der wunderschönen Alm mit Blick auf hohe Berge und sogar einem Dreitausender wieder runter nach Gigglberg (1563 HM) und weiter nach Hochforch und
zum Pirchhof, einem schmucken Gasthof. Veranschlagt waren etwa sieben Stunden Gehzeit.
Die Gruppe erwies sich als gruppendynamisch homogen, ja bestens zueinanderpassend: Elfriede hatte schon unglaubliche Trekking-Touren und Wallfahrten im Himalaja hinter sich, war im
Annapurna-Gebiet unterwegs gewesen, hatte den heiligen Berg Kailash umrundet und war an den Ufern des geheimnisvollen Manasarovar Sees gestanden und in
Südamerika war sie auf über 6500 m hohe Berge geklettert. Zudem ist sie ausgebildete Mediatorin, was immer nützlich sein kann. Elisabeth und Fritz hatten Korsika
durchquert, dabei tausende Höhenmeter bewältigt und waren den berühmtesten aller Pilgerwege gegangen. Doris und ich hatten weniger Trekking-Erfahrung, mehr Lauf- und Fitness-Center Erfahrung
(!).
Ging mal einer vorne weg, ging er einfach vorne. Am oder an der Letzten orientierte sich die Gruppe. Zahlreiche Schluchten und Taleinschnitte
mussten wir runter, dann wieder hoch, manchmal auf Treppen, manchmal an engen, mit Stahlseilen gesicherten Wegen. Höhenmeter um Höhenmeter. Der südliche Höhenweg war
dementsprechend selektiv und anstrengend.
Der Pirchhof gehört zu den alten und traditionsreichen Bergbauernhöfen am Meraner Höhenweg. Wir übernachteten in einem Lager - in einem Art geöffnetem Seitenraum mit
sechs Schlafplätzen. Die Duschen im Keller hatten Wellnesscharakter, die Terrasse und die Stimmung beim Abendessen war bezaubernd schön. Der nördliche Höhenweg wartete am nächsten Tag.
Das Wetter war herrlich. Oft gingen wir durch schattenspendende Wälder, oft mitten in der prallen Sonne. Unvergesslich bleibt ein Rastplatz hoch über dem Tal. Wir
saßen auf schwer abschüssigem Gelände oberhalb des schmalen Weges. Unter dem Weg brach eine Steilwand wohl einige hundert Meter ins Tal ab. Fritz war der Rastplatz nicht ganz
geheuer und er ging noch ein paar hundert Meter weiter, kam aber zurück, weil nirgendwo ein schattiger Platz zu sehen war. Die Hitze war manchmal enervierend.
Bergbauern zaubern mit ihren Beregnungsleitungen Regenbögen auf steile Wiesen und Hänge, und wir hatten unseren Spaß: Wir liefen durch die Wasserfontänen und
wollten ihnen ausweichen und wurden oft genug herrlich erfrischt.
25.08.2011: Jeder Tag war ein neues Abenteuer und dieser Tag versprach anstrengend zu werden. Fritz hatte mehr als 7,5 Stunden Gehzeit veranschlagt, tatsächlich waren es
dann aber etwa neun Stunden. Wir kamen nach einer relativ langen Gehzeit, die Vegetation erinnerte hier mehr und mehr an ein Mittelmeerland, in den westlichen Hang des
Schnalstales, freuten uns auf die Burg Juval, Reinhold Messners Domizil, und sahen die mächtige Burg, den Gasthof, Weinreben und einen Teich, lange mehrere hundert Meter unter
uns und trekkten durch moosige Lärchenwälder in den nördlichen Abschnitt des Meraner Höhenwegs. In einem etwa 500 Jahre alten Bauernhof aßen wir Eierspeisen mit Speck und
zielstrebig - es war ein besonders heißer Sommertag - eilten wir auf die Rableidalm auf 2004 Höhenmeter.
Doris nahm da schon kontinuierlich
Parkemed-Schmerztabletten um ihren plötzlich aufgetretenen Zahnschmerzen wirksam zu begegnen. Sie sagte uns nichts. Die Übernachtung im Gasthaus Rableid Alm im
Schnalstal war eine der schönsten. Hier oben war es schon sehr viel kühler. Am Morgen wurde Speck und Käse und selbstgebackene Weckerln zum Tee und Kaffee serviert. Oben im ersten Stock lief
stets die Waschmaschine. Wir nahmen auch noch eine Jause mit, die uns die beiden Wirtsleute schnell gerichtet hatten. Die ganze Nacht rauschte der Pfossentalbach wie ein vorbeifahrender
Güterzug und Elfi meinte, kräftiger sei mein Schnarchen im großen Lager mit rund 10 Betten gewesen.
Rableidalm
26.08.2011 Wir verließen die Rableidalm, gingen in Richtung Eishof und sahen rechterhand auf einen Gletscher und der Tag versprach spannend und atemberaubend zu werden. Ich
gewann rasch an Höhe, mit mir ein Hochlandrind, das vor mir hertrottete. Elfie, Doris und Elisabeth kamen nach, Fritz fotografierte und ging mal rechts, mal links weg. Bald war ich alleine und
nahm Tempo auf. Fast 900 Höhenmeter trekkten wir jetzt hoch. Die Temperatur nahm ab, und ich nahm zum ersten Mal eine dicke Jacke aus dem Rucksack. Weit oben war noch eine kurze Blockkletterei zu
bewältigen. Ich stand am Eisjöchl (2895 m) und unter mir sah ich schon die Stettiner Hütte. Fritz kam nach, Elfie, Doris und Elisabeth, und wir saßen bei einer Suppe in der
Hütte. Beim Abstieg, immerhin 1400 Höhenmeter runter ins Pfelderer Tal, gaben Elisabeth und Elfriede das Tempo vor. Direkt in Pfelders kam der Regen - wir hatten nur noch
etwa 50 m bis zum Dreisternehotel Alpenblick mit Abendessen und schönem Zimmer. Mittlerweile hatten wir uns an die Lager in den Hütten gewöhnt und ein Fernseher war uns beinahe fremd.
Zu zweit streunten wir noch kurz durch den kleinen Ort, tranken einen Espresso Macchiato, gingen klein shoppen und waren so gut wie wieder in der Zivilisation angekommen, ohne wirklich
mit dem Kopf da zu sein.
27.08.2011 Am Samstag brachen wir in Pfelders auf . Die gute Nachricht: Es ging lange leicht abwärts. Vorbei an der
Grünboden-Talstation gingen wir den Bach entlang in Richtung Osten. Von der nördlichen Talseite sprangen immer wieder Wasserfälle ins Tal herab, die Schmelzwasser in den Pfelderer Bach
bringen. Ein Stück des Meraner Höhenweges führte hier über den Weg, der im Winter die Natur-Rodelbahn begleitet.
Beim Außerhütt-Hof verlässt der Meraner Höhenweg die Straße und biegt in den Wald ab, weiter in Richtung Ulfas. Es regnete. Die letzten Kilometer waren mehr oder minder geprägt von der
Vorfreude auf Jeans, T-Shirt und Sneakers und auf einen Macchiato in einer urbanen Umgebung. Mehr als dreieinhalb Stunden benötigten wir nach Ulfas. Da stand dann das Auto am Wegrand.
Eine Scheibe war leicht geöffnet. Wir hatten beim Start am Montag vergessen sie sorgsam zu schließen. Wir zogen uns um, raus aus der Funktionskleidung. Fritz fuhr direkt nach
Meran. Menschenmassen in der Meraner Altstadt mit den mittelalterlichen Lauben und Arkaden, ein herrliches Cafe am Ufer der Passer in Meran, ein Macho mit Brille und heller
Schiebermütze und seine gestylte Gattin, dann eine weitere Frau im bunten Kleid und ein kleiner, schmächtiger Mann mit dunkler Brille, beide wie aus einem Fellini
Film.
Wir staunten, wir lachten, wir stürmten in Läden, in Cafes und in ein Restaurant. Danach fuhren wir noch nach Bruneck, trafen Willi und Huberta am Hauptplatz. Willi war gerade einen
Dreiviertelmarathon ins Ahrntal hinaufgelaufen. Erst am späten Abend gings heim in Richtung Lienz, dann runter nach Mittelkärnten. Am nächsten Nachmittag trafen wir uns bei Fritz und nahmen
von Elfi Abschied, die heim nach Niederösterreich fuhr. Beim Kaffee auch Wehmut: Da waren über die sieben Tage Freundschaften vertieft und Freundschaften geschlossen worden,
da galt ein Blick, ein Lachen, da haben wir uns der leisen und der wunderschönen Landschaft angepasst. Da konnte jeder der sein, der er gerade sein wollte, da wurde nicht
gewogen, da war ein Band. Da war die Sicht nach innen auf
sich selbst nicht verstellt. Das war ein ganz besonders schönes Erlebnis im Gehen, im Verweilen.